Ein Abend im Januar, Deutschlands bekanntester Sportmediziner eilt durch seine Münchner
Dachwohnung. An den Wänden Kunst, am Ende des Wohnzimmers ein Buchregal, das bis unter die
stuckverzierte Decke reicht, davor ein Klavier. Er spiele kaum, sagt Müller-Wohlfahrt. Noch seien ihm seine
Patienten wichtiger. Im Sommer wird er 84.
Gut 40 Jahre lang war Müller-Wohlfahrt Teamarzt des FC Bayern München, mehr als zwei Jahrzehnte lang
stand er in den Diensten der deutschen Fußballnationalmannschaft. Oft diagnostizierte er Verletzungen
bereits, während sich der Spieler vor Schmerzen noch auf dem Rasen krümmte.
Dem Jahrhundertsprinter Usain Bolt verhalf er zu Olympiagold, er behandelte den Rennfahrer Sebastian
Vettel, den Boxer Wladimir Klitschko oder den Welttorhüter Gianluigi Buffon.
Heute pendelt Müller-Wohlfahrt zwischen den USA und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Aber immer
nur für wenige Tage, sagt er. »Das Tagesgeschäft muss weiterlaufen.« Sportgrößen wie Basketballer Dennis
Schröder oder Tennisspieler Alexander Zverev kommen regelmäßig in seine Praxis im Alten Hof nahe dem
Münchner Marienplatz.
Müller-Wohlfahrt tut sich schwer, eine Bilanz seines Lebens zu ziehen. »Ich stecke ja noch mittendrin«, sagt
er. »Morgen früh geht der Flieger nach Los Angeles. Zu ein paar Footballspielern.«
SPIEGEL: Herr Müller-Wohlfahrt, warum reisen Sie mit über 80 noch durch die Welt, während in Ihrer Münchner Praxis Patienten auf Sie warten?
Müller-Wohlfahrt: Weil es mich erfüllt, Hochleistungssportlern zu helfen, für die meine jahrzehntelange Erfahrung nützlich ist. Außerdem kann ich schwer Nein sagen.
SPIEGEL: Wie kommen Sportler und Vereine aus den USA ausgerechnet auf Sie?
Müller-Wohlfahrt: Basketball-, Football- und Eishockeyprofis sind untereinander vernetzt und haben mich weiterempfohlen. Auslöser für das Interesse aus den USA war aber wohl Kobe Bryant.
SPIEGEL: Der NBA-Star, der Anfang 2020 bei einem Hubschrauberabsturz starb. Bryant kam wegen Kniebeschwerden und Problemen mit den Achillessehnen zu Ihnen.
Müller-Wohlfahrt: Ein sympathischer Kerl ohne Starallüren. Er hockte geduldig im Wartezimmer wie
jeder andere Patient auch. Sein Tod ging mir sehr nahe.
SPIEGEL: Bryant hätte zu jedem anderen Spezialisten gehen können. Warum kam er zu Ihnen?
Müller-Wohlfahrt: Ich glaube, es ist die Erfahrung. Ich ertaste, diagnostiziere und behandle Verletzungen bei Spitzensportlern seit 50 Jahren. Meine Hände sind dabei das wichtigste Instrument. Durch sie habe ich Dinge gelernt, die in keinem Lehrbuch stehen.
SPIEGEL: Zum Beispiel?
Müller-Wohlfahrt: Dass sich in den Fingerkuppen Spiegelzellen befinden, die direkt mit dem Gehirn vernetzt sind. Das Gehirn sagt mir, was ich fühle. Wenn ich einmal einen Faserriss ertastet habe und dieses Gefühl gespeichert ist, kann ich es immer wieder abrufen.
SPIEGEL: Aber in den USA gibt es doch eine Menge exzellenter Sportmediziner.
Müller-Wohlfahrt: Schon. Die Amerikaner haben die besten Chirurgen der Welt. Aber was die konservative Behandlung angeht, also Heilen ohne zu operieren, da geht dort nichts voran. Die Sportler sagen: Was du kannst, das kann bei uns keiner.
SPIEGEL: Was machen die Ärzte dort anders?
Müller-Wohlfahrt: Die meisten von ihnen, wie überall sonst auf der Welt auch, stellen ihre Diagnosen fast ausschließlich anhand von MRT-Bildern. Sie verlassen sich blind auf die Technik, aus Angst vor Fehldiagnosen. Nur liegen die Kernspinaufnahmen bei Muskelverletzungen zu mehr als 50 Prozent falsch. Mich ärgert das maßlos, denn es hat enorme Konsequenzen: für den Sportler, die Mannschaft und den Verein.
SPIEGEL: Wird das Tasten mit den Händen nicht gelehrt?
Müller-Wohlfahrt: Es wird in Ausbildung und Praxis stark vernachlässigt. Viele junge Mediziner trauen sich an die manuelle Untersuchung nicht mehr heran, auch weil sie sehr zeitintensiv ist. Wissen Sie, wie lange ein Gespräch zwischen Facharzt und Patient heutzutage im Schnitt dauert?
SPIEGEL: Ein paar Minuten?
Müller-Wohlfahrt: Es sind gerade einmal 18 Sekunden. Das macht eine gründliche körperliche Untersuchung beinahe unmöglich.
SPIEGEL: Wie viel Zeit nehmen Sie sich?
Müller-Wohlfahrt: So viel wie nötig. Wenn ich im Ausland unterwegs bin, arbeite ich oft zwölf Stunden am Tag. Manchmal auch bis in die frühen Morgenstunden. Die Zeitverschiebung macht mir nicht viel aus. Ich schlafe auf dem Hinflug, habe meist schon vor dem Start gegessen, damit mich keiner stört. Ich lese ein bisschen, mache mir Notizen für Vorträge, dann bin ich weg. Und wenn ich ankomme, bin ich erholt.
SPIEGEL: Weltmeister und Olympiasieger werden bewundert und gefeiert. Zu Ihnen kommen sie verletzt, verunsichert, teils mit Zukunftsängsten. Wie fangen Sie diese Sportler auf?
Müller-Wohlfahrt: Ich höre ihnen zu, spreche mit ihnen auf Augenhöhe. Ich gebe ihnen das Gefühl, in diesem Moment der wichtigste Mensch auf der Welt zu sein. Wenn sie sich dann öffnen und ihre Probleme schildern, ist das oft schon die halbe Diagnose und der erste Schritt zur Genesung. Aber sie müssen mir vertrauen. Ohne Vertrauen geht es nicht.
»Wenn ich arbeite, möchte ich nicht abgelenkt werden. Deswegen gibt es auch keine Spiegel und keine Uhren in meiner Praxis.«
SPIEGEL: Was haben Sie von Athleten wie Usain Bolt gelernt?
Müller-Wohlfahrt: Disziplin. Er kam insgesamt zehn Jahre lang alle drei Monate aus Jamaika zu mir zur Untersuchung und zur Behandlung oder auch schon bei kleinsten Symptomen. Deshalb war er während seiner erfolgreichsten Jahre nie schwer verletzt.
SPIEGEL: Während der Olympischen Spiele 2016 schickte Bolt Ihnen eine SMS.
Müller-Wohlfahrt: Ich war gerade mit meiner Frau im Urlaub in Südfrankreich, als das Handy piepte: Doc, ich habe Muskelprobleme, ich kann nicht trainieren, was soll ich tun?
SPIEGEL: Sie sind sofort losgeflogen?
Müller-Wohlfahrt: Von Nizza nach Frankfurt, wo ich Pass und Medikamente von meinen Praxismitarbeiterinnen bekam, dann weiter nach Rio de Janeiro. Am nächsten Morgen war ich da. Es war ein riesiger organisatorischer Aufwand. Ich durfte ohne Akkreditierung nicht ins olympische Dorf, wir hatten aber nur vier Tage Zeit bis zum 100-Meter-Lauf. Also habe ich Usain in einem winzigen Apartment behandelt. Der Oberschenkel stand wegen eines überreizten Nervs unter Hochspannung.
SPIEGEL: Was haben Sie unternommen?
Müller-Wohlfahrt: Ich habe ihm Injektionen verabreicht, mit einem heilungsfördernden Serum, das aus Kälberblut gewonnen wird. Das hat die Spannung gelöst und den für die Übersteuerung verantwortlichen Nerv beruhigt.
SPIEGEL: Und dann sprintete Bolt in 9,81 Sekunden zu seinem dritten 100-Meter-Olympiagold in Folge.
Müller-Wohlfahrt: Was für ein Moment! Bei seinem Freudentanz, inmitten von Zehntausenden feiernden Menschen, winkte er mir zu. Später sagte er in einem Interview: »Doc, diese Medaille gehört dir.«
SPIEGEL: Es heißt, Sie würden bei der Arbeit mitunter die Zeit vergessen. Man müsse Sie ermahnen, dass noch andere Patienten warten.
Müller-Wohlfahrt: Das kommt vor. Wenn ich arbeite, versinke ich völlig darin. Und ich möchte nicht abgelenkt werden. Deswegen gibt es auch keine Spiegel und keine Uhren in meiner Praxis. Ich will nicht sehen, ob ich müde aussehe oder wie spät es ist.
SPIEGEL: Wie halten Sie die Konzentration hoch?
Müller-Wohlfahrt: In der Praxis achten meine Mitarbeiterinnen darauf, dass ich nicht zu viele Patienten am Tag sehe. Sie buchen weniger Termine, damit ich fit bleibe und mich nicht verausgabe.
SPIEGEL: Früher hat Sie Bayern-Boss Uli Hoeneß aus dem Urlaub geholt, um verletzte Spieler zu behandeln. Boris Becker rief Sie aus New York oder Melbourne an und bat um Hilfe, Sie haben dann alles stehen und liegen lassen. Bereuen Sie das heute?
Müller-Wohlfahrt: Ich hätte mehr Zeit mit meinen Kindern, mit der Familie verbringen sollen, das schmerzt nach wie vor. Und manchmal denke ich, ja bist du denn verrückt geworden, so viele Jahre deines Lebens für die Medizin hergegeben zu haben. Andererseits: Ich liebe diesen Job so sehr, dass ich mich ihm kaum entziehen kann.
SPIEGEL: Ihre Tochter Maren lebt seit 20 Jahren in Palermo mit ihrem Mann und vier Kindern. Wie oft hören Sie von ihr?
Müller-Wohlfahrt: Wir telefonieren mindestens jeden Sonntag. Aber sie führt ihr eigenes Leben und besucht uns häufiger in München. Ich vermisse sie sehr.
SPIEGEL: Würden Sie rückblickend etwas anders machen in Ihrer Lebensplanung?
Müller-Wohlfahrt: Im Gegenteil. Dass ein Kind aus einem ostfriesischen Bauerndorf gegen den Willen des Vaters Mediziner wurde, empfinde ich als große Fügung.
Müller-Wohlfahrt schweigt für einen Moment, nimmt sich einen Keks.
SPIEGEL: Ist das Gefühl, gebraucht zu werden, bei Ihnen zur Sucht geworden?
Er überlegt. Ein paar Sekunden lang ist nur das Knacken des Gebäcks zu hören.
Müller-Wohlfahrt: Ich denke, schon, es treibt mich an. Aber solange meine Hingabe zum Beruf Menschen nützt, ist die Suchtfrage kein Problem. Ich genieße die Wertschätzung der Patienten. Kürzlich hat mir ein amerikanischer Eishockeyspieler seinen Schlittschuh geschenkt, darauf stand: Du hast meine Karriere gerettet. Auftrag erfüllt, würde ich sagen.
SPIEGEL: Fürchten Sie, ins Grübeln zu geraten ohne die Arbeit?
Müller-Wohlfahrt: Ich bin kein Zauderer, ich lebe im Hier und Jetzt und schaue nicht zurück. Negative Gedanken verscheuche ich. Viele meiner Freunde oder Bekannten, die im Alter keiner Aufgabe mehr nachgehen, sind unglücklich geworden oder langweilen sich. Golfspielen oder Urlaub sind auf Dauer eben kein Ersatz für ein sinnstiftendes Tun.
SPIEGEL: Medizinerkollegen haben Sie für Ihre Muskelinjektionen mit homöopathischen und biologischen Mitteln lange belächelt. Einige forderten sogar, Ihnen die Zulassung zu entziehen. Wie tief sitzt der Groll über die Skepsis an Ihrer Arbeit?
Müller-Wohlfahrt: Dazu kann ich nur sagen: Kommt zu mir, schaut mir bei den Behandlungen zu und sprecht mit den Patienten. Schon vor Jahren sagte mir der irische Tour-de-France-Sieger Stephen Roche: »Die Sportler stimmen mit den Füßen ab, sie gehen dorthin, wo ihnen geholfen wird.« Heute muss ich niemandem mehr etwas beweisen. Ich kann sagen, was ich denke.
SPIEGEL: Vor ein paar Monaten hat Sie die Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie für Ihr Lebenswerk in der Sportorthopädie ausgezeichnet. Eine späte Genugtuung?
Müller-Wohlfahrt: Damit hätte ich nicht gerechnet und war umso dankbarer dafür. Diese Auszeichnung wird in der Regel für wissenschaftliche Studien verliehen, damit kann ich als Praktiker nicht dienen. Die Ehrung hat mich in meiner Annahme bestätigt: Die Schulmedizin hat bei der Behandlung von Sportverletzungen ihre Grenzen. Deshalb habe ich Alternativen entwickelt.
SPIEGEL: Wer hat zu Ihnen gehalten, als man an Ihnen zweifelte?
Müller-Wohlfahrt: Meine Frau. Sie hat mir zugehört, mich darin bestärkt, mich nicht beirren zu lassen. Ohne sie wäre mein Weg nicht möglich gewesen.
Müller-Wohlfahrts Frau Karin, von der er seinen zweiten Nachnamen hat, schaltet sich am Handy dazu, die beiden sind seit beinahe 52 Jahren verheiratet. Sie ist Bildhauerin und Malerin, gerade ist sie im Atelier des Ferienhauses in Südfrankreich.
SPIEGEL: Frau Müller-Wohlfahrt, Ihr Mann hat gerade darüber gesprochen, wie wichtig Ihr Rückhalt für seine Arbeit ist. Wie ist es, wenn der Partner kaum Zeit für die Familie hat?
Karin Müller-Wohlfahrt: Man muss lernen, Menschen zu lassen, wie sie sind, sonst verliert man sie. Man muss ihnen Freiheiten geben. Ich wusste früh, er muss seinen Beruf ausleben. Wenn ich ihn da weghole, fällt er in ein Loch. Dann hätte ich keine Freude in meinem Leben oder an ihm.
SPIEGEL: Ursprünglich wollten Sie seinen Job beim FC Bayern höchsten drei Jahre mitmachen, Ende der Siebzigerjahre war das. Dann wollten Sie schauen, wie es mit der Beziehung weitergeht. Was ist darausgeworden?
Karin Müller-Wohlfahrt: Wir haben versucht, unsere Lebensplanung gleichberechtigt zu entwickeln. Er wusste, dass ich eigene Vorstellungen und Pläne für mein Leben habe. Ich wusste, dass er die Sportmedizin weiterentwickeln will.
»Ich habe mich damit abgefunden, dass er wohl bis zu seinem Lebensende arbeiten wird.«
Karin Müller-Wohlfahrt
SPIEGEL: Was ist der größte Kompromiss, den Sie gemacht haben?
Karin Müller-Wohlfahrt: Das Alleinsein. Ich muss akzeptieren, dass er entweder in der Praxis oder unterwegs ist, dazwischen gibt es wenig. In der Zeit beim FC Bayern war er abends meist erst um elf Uhr oder später daheim. Wir hatten jahrelang kein Wochenende, manchmal kamen sonntags Sportler zur Behandlung zu uns nach Hause oder in unser Ferienhaus. Mir ging das zu weit, aber für ihn war das nicht verhandelbar. Er hat sich selbst auch kein Hobby oder Freizeit gegönnt.
SPIEGEL: Ihr Mann war sogar an Ihrem Geburtstag im Stadion im Einsatz, im Theater ist er manchmal vor Erschöpfung neben Ihnen eingeschlafen. Sind Ihnen da nie Zweifel gekommen?
Karin Müller-Wohlfahrt: Na klar. Nach 18 Jahren wollte ich unter diesen Bedingungen so nicht mehr weiterleben. Seitdem hat sich viel geändert. Sein Arbeitstag endet um 20 Uhr. Am Ende hat die beidseitige Akzeptanz gesiegt: Er hat die Medizin, ich habe die Kunst.
SPIEGEL: Seit knapp sechs Jahren ist er nicht mehr für den FC Bayern tätig. Hat sich Ihr Familienleben seither geändert?
Karin Müller-Wohlfahrt: Wir haben endlich wieder Wochenenden zusammen, können öfter reisen, unsere Kinder und Enkel sehen. Aber ich habe mich damit abgefunden, dass er wohl bis zu seinem Lebensende arbeiten wird. Es ist das, was zu seinem Glück gehört.
Müller-Wohlfahrt hat nicht gehört, was seine Frau gesagt hat, er war nebenan. Als er zurückkommt, hat er ihr jüngstes Buch mit Porträtskizzen dabei. »Fußball interessiert Karin nicht«, sagt er. »Zum Glück hat sie so viel Geduld mit mir.«
SPIEGEL: Herr Müller-Wohlfahrt, 2015 kam es zwischen Ihnen und dem damaligen Bayern-Trainer Pep Guardiola zum Eklat. Wie haben Sie den Streit in Erinnerung?
Müller-Wohlfahrt: Es war der 15. April, ein fürchterlicher Tag. Wir hatten das Viertelfinal-Hinspiel in der Champions League gegen Porto verloren. Danach machte man mich vor versammelter Mannschaft in der Umkleidekabine für die Niederlage verantwortlich. Es hieß, wir hätten zu viele Verletzte im Team, und ich ließe Spieler zu lange pausieren. Völlig absurd. Das wollte ich nicht akzeptieren.
SPIEGEL: Einen Tag später traten Sie nach 38 Dienstjahren zurück. Mit welchem Gefühl?
Müller-Wohlfahrt: Empört über die Fehleinschätzung, denn Spitzensportler aus der ganzen Welt kommen zu mir, weil meine Diagnostik präziser ist, die Heilung oft zügiger vorangeht als anderswo und weil meine Medikamente keine Nebenwirkungen haben. Dem damaligen Trainer Pep Guardiola ging die Genesung jedoch nicht schnell genug. Er war es vom FC Barcelona offenbar gewohnt, auch in medizinischen Fragen das letzte Wort zu haben, aber das war in München bis dato anders.
SPIEGEL: Wie denn?
Müller-Wohlfahrt: Ich habe immer den Respekt und das Vertrauen der jeweiligen Trainer genossen. Dettmar Cramer hat mich mal als »Glücksfall für den deutschen Fußball« bezeichnet. Udo Lattek wartete oft bis zur letzten Minute mit der Mannschaftsaufstellung und sagte: »Der Doktor hat das letzte Wort.«
SPIEGEL: Sie sagten später, Sie hätten sich in der Auseinandersetzung mit Guardiola mehr Rückendeckung von der Clubspitze gewünscht.
Müller-Wohlfahrt: Uli Hoeneß, der immer zu mir gehalten hat, war zu diesem Zeitpunkt in Haft. Wäre er im Verein gewesen, wäre es nicht zum Bruch mit Guardiola gekommen, da bin ich mir sicher.
SPIEGEL: Wie groß ist der Druck im Profifußball, Spieler so schnell wie möglich wieder fit zubekommen?
Müller-Wohlfahrt: Er hat weiter zugenommen. Die Clubs sind noch stärker von wirtschaftlichem Erfolg getrieben, der Ausfall eines teuer eingekauften Profis gefährdet den Erfolg. Als Teamarzt operierst du immer im Spannungsfeld zwischen dem, was der Verein will, und dem, was gut für den Spieler ist. Wobei die meisten von ihnen selbst schnell zurück auf den Rasen wollen. Die Quote der Wiederverletzungen ist heute so hoch wie nie.
SPIEGEL: 2017 kehrten Sie auf Bitten von Trainer Jupp Heynckes noch einmal zum FC Bayern zurück.
Warum verließen Sie den Club 2020 endgültig?
Müller-Wohlfahrt: Ich wollte mich wieder mehr auf meine Patienten in der Praxis konzentrieren. Aber auch das Umfeld des Fußballgeschäfts war mir zunehmend fremd geworden, diese astronomischen Gehälter und Transfersummen, die mittlerweile gezahlt werden. Der Profisport ist kälter und unpersönlicher geworden. Es gibt weniger Kameradschaft.
SPIEGEL: Als Sie beim FC Bayern aufhörten, gab es keine große Verabschiedung. Was hätten Sie sich gewünscht?
Müller-Wohlfahrt: Eine Form der Würdigung meiner jahrzehntelangen Arbeit für den Verein. Früher funktionierte der Club wie eine Familie. Ich erinnere mich an Floßfahrten auf der Isar oder einen Ausflug auf die Rodelbahn. Paul Breitner lud an Pfingsten nach Hinterglemm zu einem Kick auf einer Almwiese ein. Vor einem runden Geburtstag holte mich mal eine schmetternde Blaskapelle aus dem Bett.
SPIEGEL: Und heute?
Müller-Wohlfahrt: Es sind andere Zeiten. Der Verein ist ein erfolgreiches Unternehmen, aber die Identifikation der Spieler mit dem Club hat darunter gelitten. Es gibt immer weniger prägende Gesichter, die dem FC Bayern über viele Jahre treu bleiben. Unter dem aktuellen Trainer Vincent Kompany geht es zum Glück wieder etwas familiärer zu, habe ich gehört. Das freut mich.
SPIEGEL: Schauen Sie noch Fußball?
Müller-Wohlfahrt: Das fragte mich Jupp Heynckes am Telefon auch einmal. Ich sagte: Wenig, du? Und er antwortete: Ich auch kaum. Da mussten wir lachen.
SPIEGEL: Zu wem aus dem Umfeld des FC Bayern haben Sie noch Kontakt?
Müller-Wohlfahrt: Uli Hoeneß ruft immer mal an, wir kennen uns seit Ende der Siebzigerjahre. Er startete damals als junger Manager, ich war zwei Jahre zuvor als Teamarzt gekommen. Uli hat mir im Scherz auch einmal angeboten, mich in Finanzfragen zu beraten.
SPIEGEL: Geschäfte sind offenbar nicht Ihre Sache. Der Plan des Unternehmers Dietmar Hopp, unter Ihrem Namen eine internationale Klinikkette aufzubauen, kam nicht zustande. Auch weil Sie offenbar kaum Interesse an Businessplänen und Zielvereinbarungen hatten.
Müller-Wohlfahrt: Ich bin kein Businesstyp. Mich interessiert ein gezerrter Muskel mehr als der Gedanke, wie ich Geld verdienen kann. Ohne meine Assistentinnen wüsste ich nicht einmal, was wir überhaupt für eine Behandlung berechnen. Geld ist für mich Mittel zum Zweck. Zum Leben, zum Wünsche erfüllen. Es muss auf ehrliche Weise verdient werden.
Ein paar Wochen später, der zweite Besuch bei Müller-Wohlfahrt, diesmal in seiner Praxis. Er sitzt auf einer Couch in seinem Behandlungszimmer, auf dem Schoß zwei Bücher, in Leder gebunden, in die Dutzende Spitzensportler Dankesworte geschrieben haben, darunter die italienische Fußballgröße Andrea Pirlo, der kanadische Eishockeystar Sidney Crosby, der deutsche Golfer Martin Kaymer.
Müller-Wohlfahrt blättert durch die Seiten, hält inne, staunt über die vielen Namen, die über die Jahre zusammengekommen sind, »das sind längst nicht alle«, sagt er. »Hier war viel los in den vergangenen Jahrzehnten.«
Dann erzählt er von einem Zehnkämpfer, der sich kein Hotel leisten konnte und in der Praxis übernachtete.
Von einem indischen Cricket-Star, der begleitet von Bodyguards zur Behandlung kam. Bei dem früheren Boxweltmeister Wladimir Klitschko bleibt sein Finger hängen.
Müller-Wohlfahrt: Ah, ich erinnere mich, die Schulter. Wladimir rief an, er klang besorgt, weil er den linken Arm kaum heben konnte. Er fürchtete eine Gelenkverletzung und die Absage eines WM-Kampfs. Ich beruhigte ihn. Zum Glück war es nur ein eingeklemmter Nerv. Und keine selbst verschuldete Verletzung.
SPIEGEL: Selbst verschuldet?
Müller-Wohlfahrt: Na ja, wir hatten auch Leichtathleten hier, die sich bei einem Show-Rugbyspiel das vordere Kreuzband lädiert haben. Usain Bolt riss sich bei einem Fußball-Benefizspiel die Achillessehne, bei Marathonläufer Mo Farrah riss ein Oberschenkelmuskel. Dabei beknie ich die Jungs immer: Fangt bloß nicht mit einer anderen Sportart an, ihr kennt die Bewegungsabläufe nicht, ihr verletzt euch.
SPIEGEL: Viele der Widmungen klingen sehr persönlich. Wie baut man in einer kurzen Behandlungszeit Nähe zu Patienten auf?
Müller-Wohlfahrt: Indem man sie ernst nimmt, nachfragt und versucht, sich in ihre Situation einzufühlen. Das ist wohl meine Herkunft und Erziehung. Ich wurde in einem Pfarrhaus groß. Mein Vater war ein protestantischer Pastor.
SPIEGEL: Wie hat er Sie erzogen?
Müller-Wohlfahrt: Zur Nächstenliebe und zum Dienen. Viele Bauern in unserer Umgebung waren arm; vor meinem Vater waren sie alle gleich. Einer der Gründe, warum er nicht wollte, dass ich Medizin studiere. Er fürchtete, der Arztberuf könne meinen Charakter verderben. Damals trugen die Chefärzte noch Kittel mit doppelreihigen Goldknöpfen. Deshalb hat er mir für die Ausbildung keinen Pfennig gegeben.
SPIEGEL: Wie hat er Ihr Denken geprägt?
Müller-Wohlfahrt: Wir haben unter anderem über Dietrich Bonhoeffer, Søren Kierkegaard oder auch Martin Luther gesprochen, diese Theologen haben mich inspiriert: zu neuem Denken und dem Mut, neue Wege zu gehen. Ich habe gelernt, Widerstand zu leisten und für meine Überzeugungen und Erkenntnisse zu kämpfen.
SPIEGEL: Sie haben nur mit Ach und Krach das Abitur geschafft. Wie konnten Sie eigentlich Medizin studieren?
Müller-Wohlfahrt: Ich schrieb mich erst für Naturwissenschaften ein. Und dann gab es an der Universität Kiel zum Glück einen Professor, der der Meinung war, dass nicht allein die Noten über die Zulassung zum Medizinstudium entscheiden sollten. Sondern in erster Linie der Charakter, eine gute Allgemeinbildung und musisches Interesse. Damit konnte ich punkten. Nach einer dreitägigen Aufnahmeprüfung hatte ich den Studienplatz. Zum Unmut meines Vaters. Aber seine Ansprüche an Ethik und Moral begleiten mich bis heute.
SPIEGEL: Gehen Sie in die Kirche?
Müller-Wohlfahrt: So oft ich kann. Die Predigt mit der Auslegung von Bibeltexten, das Gebet, das Glaubensbekenntnis, der Gesang, das tut mir gut, es gibt mir Kraft. Wenn ich die Orgel höre, bin ich in Gedanken oft in der Jugend, als ich zum Gottesdienst selbst dieses wunderbare Instrument gespielt habe.
SPIEGEL: Wie halten Sie sich fit?
Müller-Wohlfahrt: Joggen, zweimal pro Woche, spätabends, eine Dreiviertelstunde. Ich habe meine Runde im Englischen Garten. Da ist es zwar oft stockfinster, und ich bin bei Nebel aus Versehen schon mal gegen einen Zaun gerannt. Aber der Naturboden ist weich. Asphalt wäre für meine Knie Gift.
SPIEGEL: Haben Sie immer Lust zu laufen?
Müller-Wohlfahrt: Ach, wenn man nur nach Lust geht, hat man schon verloren. Man muss es sich zur Regel machen und darf nicht zu groß nachdenken: Soll ich, oder soll ich nicht? Mein Körper verlangt danach.
SPIEGEL: Sie werden im August 84.
Müller-Wohlfahrt: Ich denke nicht an das Alter oder daran, dass mein Leben bald vorbei sein könnte. Eher habe ich das Gefühl, dass noch viele Jahre vor mir liegen. Vermutlich weil ich noch einiges vorhabe.
SPIEGEL: Zusammen mit der TU München haben Sie 2021 begonnen, an einem KI-Projekt zu arbeiten. Ein Algorithmus sollte lernen, Muskelverletzungen so präzise zu erkennen wie Ihre Hände. Was ist daraus geworden?
Müller-Wohlfahrt: Das Projekt ruht, weil die KI noch nicht so treffsicher diagnostiziert, wie ich mir das wünsche. Wenn es die Zeit erlaubt, arbeite ich weiter daran. Ich muss mein Know-how weitergeben.
SPIEGEL: Und wann ist Schluss?
Müller-Wohlfahrt: Ich arbeite so lange, bis mir der Himmel signalisiert: Es ist genug.
SPIEGEL: Herr Müller-Wohlfahrt, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
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